Stockholm
Die Vorgeschichte bis zur Inbetriebnahme im Januar 2003
Der historische Moment festgehalten im Bild: Am Morgen des 20. Januars 2003 kurz vor 8 Uhr in Upplands Väsby begann das (kurze) X420-Zeitalter in Schweden. X420 047 (B-Wagen 420 547) lädt in seiner Eigenschaft als Pendeltåg erstmals die Fahrgäste im Stockholmer S-Bahnverkehr zur regulären Fahrt ein.
Die Reise geht als HVZ-Verstärker von Upplands Väsby, nördlich der Hauptstadt, quer durch Stockholm um schließlich südlich davon in Tumba zu enden. Foto: Johan Hellström Wie und warum kam es eigentlich
zum X420-Einsatz in Stockholm? Sie glaubten sie hätten alle Zeit der Welt, doch dann wurden sie unsanft aus ihrer nordischen Gelassenheit geweckt: Die politische Führung des öffentlichen Verkehrsunternehmen Storstockholms Lokaltrafik (SL) hatte mit der Bestellung von neuen S-Bahnfahrzeugen zu lange gewartet. Die neuen Züge sollten teils die veralteten X1er ersetzten, teils den geplanten Mehrverkehr decken.
Wir schreiben das Jahr 2000. SL entschloss sich überstürzt die 4-teiligen Regina-Triebzüge mit einer Stückzahl von 10 Einheiten bei Adtranz (heute Bombardier) durch eine Beteiligung an der Fahrzeugsvermietungsfirma Transitio zu bestellen. Doch mit der Lieferung des ersten Regina-Triebwagens an das öffentliche Verkehrsunternehmen Västmanlands lokaltrafik (VL) in Västerås, musste SL erkennen dass die Leistung der Regina-Triebwagen nicht den Anforderungen des Betriebsprogramms einer S-Bahn entsprach. Mit dieser ernüchternden Feststellung wurden die Fahrzeuge an Transitio "zurückgegeben". Die bestellten Triebzüge wurden zwar gebaut, aber dann als 2-teilige Einheiten für SJ ausgeliefert, welche die Fahrzeuge umgehend als Regionalschnellzüge von Stockholm aus einsetzte.
So sehen also S-Bahnzüge in den feuchten Träumen von Bestellern mit Informationsdefizit aus: Sie tragen den Namen Regina und haben nur zwei Einstiege pro Wagen, dafür können sie bis zu 200km/h schnell unterwegs sein.
Genau das was der Pendeltågnutzer zwischen Karlberg und Stockholms Södra zu schätzen wissen müsste, oder?
Die Realität bildet dagegen dieses Bild vom 3. September 2007 ab: Regina X52 9093 und eine weitere Schwester warten in Hallsberg auf ihren nächsten Einsatz als Regionalschnellzug.
Foto: Dirk Mattner Die verschlafenen Jahre und die selbstverschuldete Verzögerung zeigten immer deutlicher ihre unschönen Auswirkungen. Spätestens 2001 hatte der damalige S-Bahnbetreiber Citypendeln (Cip) einen Haufen Probleme. Zum einen gab es einen erheblichen Personalmangel (v.a. Lokführer), zum anderen kam es bei der Instandhaltung der X1- und X10-Triebzüge zu Engpässen. Meist standen zu wenig Triebfahrzeuge für den S-Bahnbetrieb zur Verfügung, was durch zahlreiche Ausfälle von Planleistungen für großen Unmut sorgte. Es wurde klar, dass die S-Bahnfahrzeugflotte zur Erfüllung SL’s ehrgeiziger Pläne nicht ausreichen konnte. In jenem Jahr wurde der Verkehr nach Bålsta ausgedehnt, sowie der 15 Minuten-Takt zeitlich und räumlich ausgedehnt. Der dichte Takt sollte auch noch an allen Wochentagen gefahren werden und er wurde gleichzeitig in das Umland erweitert. So z.B. auf dem Westast vom bisherigen Endpunkt Jakobsberg nach Kungsängen oder von Upplands Väsby bis nach Märsta, dem Endpunkt des Pendeltåg-Nordastes. SL sucht den Pendeltåg - SL letar efter pendeltåget Mit der Ruhe war es endgültig dahin. In dieser Zeit suchte SL deswegen eiligst schnelle, den bestehenden Fuhrpark ergänzende Lösungen, bevor die neuen Fahrzeuge bestellt und geliefert werden könnten. Es kam zu Krisensitzungen Anfang 2001 wegen Drehgestellrissen bei den X1ern, sowie wegen der betrieblichen Mängel bei Cip. Alle möglichen (teilweise fantastischen) Varianten kamen ins Gespräch, z.B. der Einsatz alter B6-Wagen (alte Lokalzugwagen, nun Museumswagen), Rekrutierung von Y1-Dieseltriebwagen (v.a. auf der Gnesta-Linie), der Einsatz eines TGOJ-Schienenbusses der Baureihe X21 (dieser kam später auch zum Einsatz), sowie die Anmietung von Bn-Wagen der dänischen Staatsbahn DSB.
Bevor der X420 kam war schon mal der X20 für die Stockholmer S-Bahn im Einsatz. X20 203 von TGOJ ist am Morgen des 25. Januar 2002 als HVZ-Verstärker in Tumba angekommen. Genau ein Jahr später sollte der X420 auf dieser Relation mit der gleichen Aufgabe seinen Einstand in Stockholm feiern.
Foto: Johan Hellström ![]()
Bild links:
Vielleicht dachten einige Leute im Krisenstab an die früheren Reservefahrzeuge, welche die SJ noch in der Zeit als Staatsbahn für den Pendeltågeinsatz einteilte. Am 5. Dezember 1992 war z.B. die altehrwürdige Da 896 mit ebenfalls museal angehauchten B6-Wagen als Ersatz-S-Bahn auf dem Weg nach Flemingsberg. Sollte so das Zukunftsmodell des Stockholmer Schnellverkehrs aussehen?
Bild rechts: Eine etwas längere Zeitspanne als der X20 203 überdauerte die Notlösung mit den aus Dänemark erworbenen Bn-Wagen, die stets mit GreenCargo-Loks der Baureihe Rc im Sandwichbetrieb eingesetzt wurden. Am 16. August 2002 ist Rc2 1085 im Dienste des Stockholmer Pendeltåg-Verkehrs im Einsatz. Hier mit Halt in Karlberg. Die Lok hatte bereits eine lange Nacht hinter sich, in der sie – wie üblich – Güter quer durch Schweden zog. Fotos: Johan Hellström SL suchte in höchster Not weiter nach einer Triebwagenlösung, die auch auf mittelfristiger Sicht tragen könnte. Im Frühjahr 2001 entdeckte man den deutschen S-Bahnzug ET 420. Vertreter von SL und Citypendeln besuchten alsbald das Werk in München-Steinhausen. Die Hoffung bei SL war damals, dass mindestens fünf Einheiten schon im Herbst 2001 in Stockholm unterwegs sein sollten… Gut Ding braucht Weile - Var sak har sin tid Für den Probebetrieb wurde die Einheit 420 060 in Oktober 2001 nach Schweden gefahren, und dort im Werk Motala für den schwedischen Einsatz umgebaut bzw. angepasst. Sie wurde in Dezember 2001 geliefert, und unternahm danach Probe- und Wintertestfahrten, die ohne größere Probleme absolviert wurden. Der X420 wurde kurz danach für den Einsatz in Schweden zugelassen. Jedoch stieß man sofort bei den Gewerkschaften und beim schwedischen Arbeitschutzamt auf Widerstand. Es gab mehrere Anforderungen für den Arbeitsschutz sowie zu den Arbeitsbedingungen der Lokführer. Zum Teil waren es realistische Anforderungen (X420 war als ein "neues" Triebfahrzeug zu betrachten, also galten andere Regelungen als für die altersgleichen X1er), zum Teil waren es aber schlichtweg Vorurteile gegenüber einem unbekannten Fahrzeug das aus dem nicht ganz so arbeitnehmer-freundlichen Deutschland kommen sollte. Nach längeren Verhandlungen mit DB und Keolis (damals mehrheitlicher Anteilseigner von Cip) wurde der Vertrag schließlich im Juli 2002 unterschrieben. Gründe für die Verzögerung waren z.B. dass die DB die Triebfahrzeuge nicht verkaufen, sowie dass Keolis keine 420er in Schweden haben, geschweige eine DB-Beteiligung an Stockholms S-Bahn wollte! Für beide Parteien spielte der Wettbewerb eine große Rolle. SNCF (damals Mehrheitsbesitzer von Keolis) hatte sogar das Angebot gemacht, man würde auf eigene Kosten entsprechende französische Vororttriebwagen BR Z6400 (Leichtmetall-Wellblechkasten) umbauen lassen. Technische Hindernisse, wie z.B. die unterschiedlichen Stromsysteme in Frankreich und Schweden blendete man bei solchen Vorschlägen lieber aus. Dieser Widerstand seitens der Franzosen prägte die weitere Geschichte. Für die Beteiligten bei Citypendeln stand die Meinung fest: Alle Probleme und deren Lösungen lägen alleine bei der DB. Unterstützung sollte es nur da geben, wo es SL ausdrücklich bestimmte. Es gab kein Interesse an einer positiven Entwicklung des X420-Einsatzes in Stockholm. Dies prägte auch die Ausbildung der Lokführer, was leider auch zu so manchen Bedienungsfehler führen sollte. ![]()
Bild links:
Motola Verkstad war die erste Anlaufadresse für die aus Deutschland übersiedelten 420er.
Am 25. Oktober 2002 befand sich Einheit 420 058 zu den finalen Umbauarbeiten in den Werkshallen dieses Stahlbaubetriebs.
B-Wagen 420 558 wird hier gerade auf das Lackieren vorbereitet.
Bild rechts: Am 4. November 2002 stehen an 420 047 die letzten Arbeiten in den Hallen von Motola Verkstad an. Hier sieht man das Fahrzeug erstmals im frischen Lack. Der X420 kommt! - X420 kommer! Die Umbauarbeiten schritten allmählich voran. Doch der Zustand einiger Einheiten ließ zu wünschen übrig, waren sie doch ursprünglich schon zur Verschrottung in Deutschland vorgesehen. Anfang Oktober 2002 wurde die Einheit X420 062 geliefert, und die Einheit X420 047 folgte einen Monat später. Gleichzeitig wurde 119 aus Deutschland geholt. ![]() ![]() ![]()
Bild links: Zwei frisch hergerichtete X420 vor den Toren von Motola Verkstad in Motola.
Bild mitte links: Ebenfalls am 7. November 2002 in Motola hatte X420 562 mit 420 619 einen weiteren Auswanderer aus Südschweden zur Motala Verkstad gebracht. Eine gute Gelegenheit für einen Vorher-Nachher Vergleich. Bild mitte rechts:Eine klare nordische Nacht hinterlässt am Morgen des 12. Dezember 2002 einen vereisten X420 058 auf dem Vorfeld des Bw Älvsjö. Neben 062 war 058 in diesen Wochen das meistbewegte Fahrzeug unter den Neu-Schweden aus Deutschland. Bild rechts: Mit X420 058 setzen sich am 29. November Techniker aus Deutschland und Schweden intensiv auseinander. Nach einer Probefahrt kommt der X420 in einem der angeschlossenen Stollen des Bw Älvsjö zum stehen. Fotos: Johan Hellström ![]()
Bild links:
Als käme X420 062 frisch aus dem Bergwerk, so mutet dieses Motiv mit dem 420er vor dem südlichen Portal des Stollens des Bw Älvsjö an. Diese Einheit gehörte zu den ersten Vertreten der Tysktågen im Stockholmer S-Bahn Betriebswerk, als es sich hier am 6. November 2002 porträtieren lies. Der Zug startete an diesem frühen Morgen gerade zu einer langen Reise bis nach Trelleborg.
Bild rechts: Später, am gleichen Tag konnte die gleiche Einheit bei der Überführungsfahrt in Alvesta im südlichen Schweden bewundert werden. In Trelleborg wurde 420 119 als neuester Ankömmling aus Deutschland erwartet, den es abzuholen galt. Die Ankunft beider Einheiten am nächsten Tag in Motola ist in einer Bilderreihe über dieser ebenfalls fotografisch festgehalten worden. Fotos: Johan Hellström Auch dieses Kapitel zeigt wie verbissen um jede Symbolik bei dieser Unternehmung gerungen wurde. SL hatte zu Beginn tatsächlich noch in Erwägung gezogen, die 420er nicht lackieren zu lassen. Bereits in den letzten Münchner Einsatzjahren zeigten sich die meisten 420 dort schon nicht mehr in einem vorteilhaften Lack. Scheinbar hätte das einigen der Zuständigen nicht gestört, wenn die X420 mit ausgewaschenen PUR- und Wasserlacken (wie z.B. 420 060 in der Testphase) in Stockholm unterwegs gewesen wären. Wichtig war hingegen, dass die Jägermeister-Werbung, die an manchen Fahrzeugen noch prangte, im Hinblick auf die strengen Alkohol-Reglementierungen in Schweden sofort zu entfernen war! Zuletzt einigte man sich auf die bereits hier dargestellte Farbvariante, möglicherweise auch deshalb da die DB ansonsten vielleicht auf eigene Kosten die Fahrzeuge in ihrem verkehrsroten CI hätte lackieren lassen. Eine solch leuchtende Außendarstellung der Deutschen Bahn im Stockholmer S-Bahnverkehr wäre aber nun ganz und gar nicht im Sinne der anderen Parteien gewesen. Es geht los! Wenn auch 1 ½ Jahre zu spät. Am 20. Januar 2003 war es dann soweit! Die Erste X420-Fahrt mit Fahrgästen fuhr von Upplands Väsby nach Tumba. Der Zug bestand aus den Einheiten X420 047 + 058. Um 8:03 Uhr startete die erste Fahrt eines ET420 als Pendeltåg im S-Bahn Netz der schwedischen Hauptstadt. Das war nicht nur für die Fans dieser Baureihe ein besonderes Ereignis. Die erste Fahrt wurde von der örtlichen Fanszene begleitet und auch lebhaft diskutiert. Im SJK-Internetforum »"Postvagnen" (die schwedische Version von DREHSCHEIBE-ONLINE) bildeten sich rasch Gruppen von Befürwortern und Zweiflern. In den ersten Wochen der X420 Einsätze waren viele der Fahrzeuge noch ohne den großen SL-Logos an den Zugspitzen unterwegs. Der umlaufende Zierstreifen zeigte durch die Aussparung an der Front aber bereits, wo das kreisrunde Symbol angeklebt werden sollte. ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Der Eröffnungstag: 20. Januar 2003.
Bilder von der ersten Fahrt, die von Upplands Väsby über Stockholm Centralen nach Tumba führte. Von dort ging es dann als Leerfahrt zurück nach Älvsjö. Fotos: Johan Hellström
Nach der Premierenfahrt war schon wieder Feierabend.
Das Testprogramm im Fahrgasteinsatz sah in den ersten Wochen lediglich den Morgenumlauf Upplands Väsby - Tumba und Tumba - Stockholm C vor. Am frühen Vormittag des 20. Januars 2003 kommt vor dem Betriebswerk in Älvsjö X420 547 zusammen mit X420 058 neben X10 3161 und X1 3046 zum stehen.
Fotos: Johan Hellström ![]() ![]() ![]()
Auch wenn es noch für Monate beim offiziellen "Probebetrieb" bleiben sollte, so prägten schon in kürzester Zeit die 420er das Alltagsbild im Berufsverkehr der Pendeltågen mit.
Als Beispiel soll hier X420 058 dienen (Bilder links und Aufnahme vom Türbereich innen), der von Anfang mit dabei war. Kurz nach der Jungfernfahrt zierte ihn das SL-Logo. Nur der Ausschnitt am Ansatz der Zierstreifen war verkehrt herum ausgestanzt. Es sollte ein besonderes Kennzeichen von 058 bis zum Einsatzende bleiben.
Und 420 062, der in den Monaten um die Jahreswende 2002/2003 in und um Stockholm präsent war wie kein anderer 420er in jener Zeit, darf zum Abschluss der Bilderreihe nicht fehlen: Am 27. Januar 2003 zierte ihn schliesslich auch das SL-Logo an der Fahrzeugfront (und mit den richtigen Aussparungen am Zierstreifen), wie das Bild ganz rechts aus Älvsjö zeigt. Fotos: Johan Hellström Text: Johan Hellström und Dirk Mattner |