Das kleine ET420-Lexikon

Ausbesserungswerk

kurz: AW

Werkstätten, deren Hauptaufgabe die gründliche Revision und Reparatur von Schienenfahrzeugen sind, werden als Ausbesserungswerke (AW) bezeichnet.

Die AW betreuen technisch die in den Betriebshöfen (Bh) stationierten Fahrzeuge. Die Betriebshöfe kümmern sich vor Ort lediglich um leichte Reparaturen und nehmen nur kleine Revisionen als "Fristarbeiten" vor. Alle umfangreicheren Aufgaben, wie z.B. die Behebung von Unfallschäden, übernehmen bereits die Ausbesserungswerke. Als Werkstätten mit einem hohen Grad an Fachkenntnis werden AWs auch gelegentlich bei der Endabnahme neu ausgelieferter Fahrzeuge herangezogen. Da oftmals neben dem fachlichen Wissen auch die Infrastruktur hervorragend ist, können AWs auch grundlegende Umbauprogramme an einzelnen Fahrzeugen und ganzen Baureihen durchführen.

Zu einer effektiven Ausnutzung der fachlichen und technischen Ressourcen der einzelnen AW-Standorte, waren diese zumeist auf einen bestimmten Kreis von Baureihen spezialisiert. Für die Baureihe ET420 waren in den Anfangsjahren die Ausbesserungswerke in München-Freimann (MFX) und Stuttgart-Cannstatt (TSCX) zuständig. München-Freimann hatte als Werk, das vornehmlich E-Loks betreute, einen ausgezeichneten Ruf. Stuttgart-Bad Cannstatt konnte dagegen auf gute Erfahrungen in der Behandlung von Elektrotriebzügen zurückblicken. Schon beinahe alle E-Triebwagenbaureihen der DB bekamen in TSCX ihre Revision, als die Baureihe 420 dazu stieß. In den 80er Jahren machte sich das AW Cannstatt einen Namen bei dem Umbauprogramm der Baureihe 471 der Hamburger S-Bahn. Dieses umfangreiche Programm wurde 1987 vorzeitig beendet, womit einige 471 bis zuletzt im ursprünglichen Zustand verblieben.

Das sich durch einen stetigen Rationalisierungsdruck die Anzahl und Aufgaben der AWs stets veränderte, zeigte bereits Ende der 80er Jahre die Schließung des AW Cannstatt am 30. Juni 1989. Das AW betreute bis zuletzt neben den Plochinger und Frankfurter 420er unter anderem auch die im Lufthansa-Charterverkehr eingesetzten Triebzüge der Baureihe 403 (I), bekannt als "Lufthansa-Airport Express". Am 27. April 1995 schlossen sich auch für immer die Werkstore des AW Freimann in München. Letzte Aufgabe im Bereich der Unterhaltung von 420ern war die Abnahme der "Flughafen-Bauserie" 7A (420 425 bis 420 430) im Jahre 1993.

Bereits in den 80er Jahren, noch vor der Schließung des Stuttgarter AWs, wurden 420er zur Untersuchung auch zum AW in Nürnberg geschickt. Zu Beginn betraf dies zumeist Fahrzeuge der Frankfurter S-Bahn. In den 90er Jahren, spätestens mit der Aufgabe des Werks in München-Freimann, entwickelte sich der Standort Nürnberg immer mehr zu einem wichtigen Zentrum in der Unterhaltung von Triebfahrzeugen der Baureihen 120, 401 (ICE 1) und 420.

Bild: 420 619 bei einer Revision im AW München Neuaubing. © Axel Tomforde 420 619 am 27.07.1988 im AW München-Neuaubing. Foto: Axel Tomforde

Für die Baureihe ET420 waren in den ersten 25 Jahren ihrer Laufbahn zumeist ortsnahe AWs zuständig: In den Anfangsjahren wurden die ersten 420er in den AWs München-Freimann und München-Neuaubing betreut. Ab ca. 1977 begann auch das AW Stuttgart- Bad Cannstatt mit der Abnahme und Instandhaltung von 420er für Stuttgart. Für Frankfurt entwickelte sich ab 1988 mit der Elektrifizierung der restlichen Main-Lahn Bahn bis Limburg das dortige AW zu einer weiteren Anlaufstelle dieser Baureihe. Die Elektrifizierung der Bahnstrecke zwischen Niedernhausen und Limburg wird darauf zurückgeführt, dass u.a. auch die elektrischen Triebwagen mit eigener Kraft zu den Untersuchungen kommen konnten. Das AW Limburg kümmerte sich noch bis 2002 vereinzelt um Umbau- oder Reparaturaufgaben. Einige der 15 Einheiten für die Stockholmer Pendeltågen wurden im letzten Jahr noch in Limburg für die neuen Aufgaben vorbereitet. Das AW wurde zwar offiziell aufgegeben, dennoch existiert heute noch ein kleiner Rest des einstigen Werks. Frankfurter Einheiten der Baureihe 420 und 423 finden noch heute vereinzelt den Weg nach Limburg. Es werden aber lediglich nur "leichte" Arbeiten vorgenommen, die den Betriebshof in Frankfurt entlasten sollen. Untersuchungen werden indes nicht mehr dort vorgenommen.

Fahrzeuge aus Düsseldorf wurden anfangs in München-Freimann und später vornehmlich in Stuttgart-Bad Cannstatt untersucht, zuletzt landeten die wenigen verbliebenen 420 bei fälligen Fristen in den Ausbesserungswerken Opladen (KOPLX), und Krefeld-Oppum (KKROX). Das AW Opladen, das sich vor allem durch die Betreuung von Schnellzugloks der Baureihe 103 einen Namen gemacht hatte, war nach der Schließung des AW München-Freimann in den 90er mit der der Abnahme von Fahrzeugen der 8. Bauserie betraut worden. Das AW Opladen betreute in späteren Jahren noch desöftern Fahrzeuge der 7. und 8. Bauserie. Als am 31. Dezember 2003 dieses weitbekannte Werk für immer geschlossen wurde, waren Aufgaben Rund um den ET420 längst auf das Werk in Krefeld-Oppum übergegangen.

Das Werk in Krefeld-Oppum (KKROX) war zunächst, wie weiter oben erwähnt, in die Untersuchung Düsseldorfer Fahrzeuge eingebunden worden. Als Ende der 90er Jahre Düsseldorf die letzten 420 nach Frankfurt abgab, war kaum mit weiteren Aufgaben im Zusammenhang mit der Baureihe 420 zu rechnen. Es kam jedoch ganz anders.
Das AW in Krefeld-Oppum sowie auch das im Nordosten Deutschlands gelegene AW Wittenberge gehörten zu den mit ausgewählten Werkstätten die sich ab Ende der 90er Jahren auch an den umfangreichen Rahmensanierungen an 420er-Einheiten beteiligte. Hauptsächlich Einheiten ab der dritten Serie, also seinerzeit Plochinger und Frankfurter Fahrzeuge fanden ihren Weg nach Krefeld.

Zunächst konzentrierten sich in den 90er Jahren alle Aufgaben zur Betreuung der Baureihe 420 zunehmend auf das AW Nürnberg. Doch bei einer weiteren bevorstehenden Umstrukturierung stand im Jahre 2002 plötzlich auch dieses Werk zur Disposition. Alle Untersuchungen von Elektrotriebzügen der Deutschen Bahn sollten in Zukunft auf einen Standort konzentriert werden: Krefeld-Oppum. Genau dies geschah dann auch im Jahre 2003, als jeder zur Revision oder Reparatur anstehende 420 plötzlich den langen Weg nach Nordrhein-Westfalen antreten musste. Das AW Nürnberg konnte durch den Auftrag zur Durchführung eines umfangreichen Redesign-Programms an allen ICE1-Garnituren den endgültigen Untergang abwenden.

Was das Redesign von 420 betrifft, so war in den 90er Jahren Nürnberg in diesem Bereich sehr aktiv. Heute versucht sich das Werk in Krefeld in dem Umbau von zwei Einheiten der 7. Bauserie zum "ET420Plus". Das die Werke versuchen ihre Kompetenzen in der Fahrzeugunterhaltung und vor allem bei Umbauten zu vertiefen. Diese Anstrengungen deuten darauf hin, dass trotz der hohen Konzentration auf wenige verbliebene Werke der Rationalisierungsdruck weiterhin anhält.

Da die EBO allerdings weiterhin eine geregelte Revision aller Fahrzeuge vorschreibt, wird es auch in Zukunft Ausbesserungswerke geben. Allerdings sind viele Formen für die Zukunft denkbar. Einige AWs wurden bereits in der Vergangenheit von der DB verkauft und bieten sich nun als Dienstleister allen EVUs an. Denkbar ist auch eine Übernahme von Revisionsarbeiten durch die Betriebshöfe selbst. Vereinzelt ist dies bereits geschehen, da auch diese Werke durchaus das Wissen und zunehmend auch die Infrastruktur dafür vorhalten.


Auflistung aller AW, die ET420 betreuen oder betreuten

KKROX - Krefeld-Oppum (aktuell)

FLX - Limburg
KOPLX - Opladen (Leverkusen)
MFX - München-Freimann
NNX - Nürnberg
TSCX - Stuttgart-Bad Canstatt
WWX - Wittenberge (nur Rahmensanierung)

Mot - Motala Verkstad (Schweden)


Sonderfall Schweden

Das arbeitsteilige System zwischen Betriebs- und Ausbesserungswerkstätten hat in Schweden nicht die scharfen Konturen wie in Deutschland. Eine offizielle Trennung gibt es nicht, dennoch ist sie in der Praxis durchaus feststellbar. Am Beispiel des X420 kann diese wie folgt erklärt werden. Die Fahrzeuge waren zu Beginn im (Betriebs-) Werk Älvsjö, später auch im Werk Hagalund beheimatet. Diese Werke konnten beinahe alle Arbeiten an den Fahrzeugen vornehmen, jedoch wurde bei umfangreichen Arbeiten und auch bei der Indienststellung auf die Dienstleistung des privaten Fahrzeugwerks Motala Verkstad im mittelschwedischen Motala zurückgegriffen. Diesem nicht alleine auf Eisenbahnfahrzeuge spezialisierten Betrieb kommt quasi die Aufgabe eines Ausbesserungswerks zu.

(dm/mg)
Stand:01.2008